Die Macht des Gesanges (Andere Gedichte)
Die Macht des Gesanges. Ein Regenstrom aus Felsenrissen, Er kommt mit Donners Ungestüm, Bergtrümmer folgen seinen Güssen, Und Eichen stürzen unter ihm.
Erstaunt mit wollustvollem Grausen Hört ihn der Wanderer und lauscht, Er hört die Flut vom Felsen brausen, Doch weiß er nicht, woher sie rauscht; So strömen des Gesanges Wellen
Hervor aus nie entdeckten Quellen. Verbündet mit den furchtbarn Wesen, Die still des Lebens Faden drehn, Wer kann des Sängers Zauber lösen, Wer seinen Tönen widerstehn? Wie mit dem Stab des Götterboten Beherrscht er das bewegte Herz, Er taucht es in das Reich der Todten, Er hebt es staunend himmelwärts, Und wiegt es zwischen Ernst und Spiele
Auf schwanker Leiter der Gefühle. Wie wenn auf einmal in die Kreise Der Freude, mit Gigantenschritt, Geheimnißvoll nach Geisterweise Ein ungeheures Schicksal tritt.
Da beugt sich jede Erdengröße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getöse Verstummt, und jede Larve fällt, Und vor der Wahrheit mächt’gem Siege
Verschwindet jedes Werk der Lüge. So raft von jeder eiteln Bürde, Wenn des Gesanges Ruf erschallt, Der Mensch sich auf zur Geisterwürde, Und tritt in heilige Gewalt;
Den hohen Göttern ist er eigen, Ihm darf nichts irrdisches sich nahn, Und jede andre Macht muß schweigen. Und kein Verhängniß fällt ihn an, Es schwinden jedes Kummers Falten,
So lang des Liedes Zauber walten. Und wie nach hofnungslosem Sehnen, Nach langer Trennung bitterm Schmerz, Ein Kind mit heißen Reuethränen Sich stürzt an seiner Mutter Herz,
So führt zu seiner Jugend Hütten, Zu seiner Unschuld reinem Glück, Vom fernen Ausland fremder Sitten Den Flüchtling der Gesang zurück, In der Natur getreuen Armen
Von kalten Regeln zu erwarmen. SCHILLER.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:37 von 2rhyme
Autor: Friedrich Schiller
Quelle: de.wikisource.org
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