Das Saitenspiel (Andere Gedichte)
Das Saitenspiel. Was singt in euch, ihr Saiten? Was tönt in eurem Schall? Bist du es, Klagenreiche Geliebte Nachtigall?
Die, als sie meinem Herzen Wehklagete so zart, Vielleicht im lezten Seufzer. Zum Silberlaute ward. Was spricht in euch, ihr Saiten?
Was singt in eurem Schall? Betrügst du mich, o Liebe, Mit süßem Wiederhall? Du Täuscherinn der Herzen, Geliebter Lippen Tand,
Bist du vielleicht in Töne, Du Flüchtige, verbannt?
Es spricht mit stärkrer Stimme, Es dringet mir ans Herz; Es weckt mit Zaubergriffen
Den längst-entschlafnen Schmerz. Du bebst in mir, o Seele, Wirst selbst ein Saitenspiel – In welches Geistes Händen? Voll zitterndem Gefühl.
Es schwebet aus den Saiten; Es lispelt mir ins Ohr. Der Geist der Harmonieen, Der Weltgeist tritt hervor. „Ich bin es, der die Wesen
In ihre Hülle zwang, Und sie mit Zaubertönen Des Wohlgefühls durchdrang.
In rauher Felsenhöle Bin ich dir Wiederhall;
Im Ton der kleinen Kehle Gesang der Nachtigall. Ich bins, der in der Klage Dein Herz zum Mitleid rührt, Und in der Andacht Chören
Es auf zum Himmel führt. Ich stimmete die Welten In Einen Wunderklang; Zu Seelen flossen Seelen, Ein ewger Chorgesang.
Vom zarten Ton beweget, Durchängstet sich dein Herz Und fühlt der Schmerzen Freude, Der Freude süßen Schmerz.“ –
Verhall’ o Stimm’, ich höre
Der ganzen Schöpfung Lied, Das Seelen fest an Seelen, Zu Herzen Herzen zieht. In Ein Gefühl verschlungen Sind wir ein ewig All;
In Einen Ton verklungen Der Gottheit Wiederhall.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:11 von 2rhyme
Autor: Johann Gottfried Herder
Quelle: de.wikisource.org
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