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Das Saitenspiel (Andere Gedichte)

   
          Das Saitenspiel.


     Was singt in euch, ihr Saiten?
Was tönt in eurem Schall?
Bist du es, Klagenreiche
Geliebte Nachtigall?

Die, als sie meinem Herzen

Wehklagete so zart,
Vielleicht im lezten Seufzer.
Zum Silberlaute ward.

     Was spricht in euch, ihr Saiten?

Was singt in eurem Schall?

Betrügst du mich, o Liebe,
Mit süßem Wiederhall?
Du Täuscherinn der Herzen,
Geliebter Lippen Tand,

Bist du vielleicht in Töne,

Du Flüchtige, verbannt?

[44]

     Es spricht mit stärkrer Stimme,
Es dringet mir ans Herz;
Es weckt mit Zaubergriffen

Den längst-entschlafnen Schmerz.

Du bebst in mir, o Seele,
Wirst selbst ein Saitenspiel –
In welches Geistes Händen?
Voll zitterndem Gefühl.

     Es schwebet aus den Saiten;

Es lispelt mir ins Ohr.
Der Geist der Harmonieen,
Der Weltgeist tritt hervor.
„Ich bin es, der die Wesen

In ihre Hülle zwang,

Und sie mit Zaubertönen
Des Wohlgefühls durchdrang.

[45]

     In rauher Felsenhöle
Bin ich dir Wiederhall;

Im Ton der kleinen Kehle

Gesang der Nachtigall.
Ich bins, der in der Klage
Dein Herz zum Mitleid rührt,
Und in der Andacht Chören

Es auf zum Himmel führt.


     Ich stimmete die Welten
In Einen Wunderklang;
Zu Seelen flossen Seelen,
Ein ewger Chorgesang.

Vom zarten Ton beweget,

Durchängstet sich dein Herz
Und fühlt der Schmerzen Freude,
Der Freude süßen Schmerz.“ –

[46]

     Verhall’ o Stimm’, ich höre

Der ganzen Schöpfung Lied,

Das Seelen fest an Seelen,
Zu Herzen Herzen zieht.
In Ein Gefühl verschlungen
Sind wir ein ewig All;

In Einen Ton verklungen

Der Gottheit Wiederhall.



Eingetragen am 08.11.2011 09:33:11 von 2rhyme
Autor: Johann Gottfried Herder
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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