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Die fünf Sinne (Tucholsky) (Andere Gedichte)


Die fünf Sinne von Theobald Tiger

Fünf Sinne hat mir Gott, der Herr, verliehen, mit denen ich mich zurechtfinden darf, hienieden:
Fünf blanke Laternen, die mir den dunkeln Weg beleuchten;
bald leuchtet die eine, bald die andre hell auf, unterschiedlich;
niemals sind alle fünf auf dasselbe Ding gerichtet …

Gebt Licht, Laternen –!


Was siehst du, Walt Wrobel –?
Ich sehe die entsetzliche obere Häuserfront der Berliner Straßen, unerbittlich, scharf liniiert, schwärzlich kasernenhaft;
ich sehe neben dem unfreundlichen Mann am Schalter die kleine schmutzige Kaffeekanne, aus der er ab und zu einen Zivilschluck genehmigt;
ich sehe das Skelett des Tauchers, ausgestreckt auf dem Meeresgrund, der Taucherhelm ist aufgeplatzt, und durch die Luken des untergegangenen Schiffs fliegt ein Schwarm Fische an die ehemalige Bar, sie rufen: „Sherry-Cobler –!“;

ich sehe den ehrenwerten Herrn Appleton aus Janesville (Wisconsin) auf der Terrasse des Boulevard-Cafés sitzen, lachende Kokotten bewerfen ihn mit Bällchen, er aber steckt seinen hölzernen Unterkiefer hart in die Luft;

ich sehe das blonde Gesicht des jungen Diplomaten, der mit nachlässigem Monokel erzählt: „Seinerzeit, während dieser sojenannten Revolution …“;
ich sehe den kleinen Jungen vor der Obsthandlung stehen und sein Pipichen machen, nachher stippt er den Finger hinein und malt Männerchen aufs Trottoir, das ist nicht hübsch von dem Kind –
Dies sieht mein Gesicht.

Was hörst du, Walt Wrobel –?

Ich höre den Küchenchef in der französischen Restaurantküche rufen: „Ils marchent: deux beefsteaks aux pommes! Une sole meunière!“ Und vier Stimmen unter den hohen weißen Mützen antworten: „Et c’est bon!“;

ich höre einen Ton in meinen Ohren klingen, mitten im Gespräch, wie eine Mahnung, wie eine Erinnerung, wie einen Trost;
ich höre vor den Fenstern des deutschen Stammtischlokals unterirdisch dumpf die Kegelbahnen donnern;
ich höre nachts die Lokomotiven pfeifen, sehnsüchtig schreit die Ferne, und ich drehe mich im Bett herum und denke: „Reisen …“;
ich höre, wie über mir die Hausfrau, die Megäre, trampelt, sie macht die Wohnung rein und sich schmutzig, sie führt Krieg mit den Polstern;

ich höre, wie in Mitau Claire Waldoff aus dem Grammophon herausknarrte:

               Als das Pauline hörte
               da rief sie überlaut:
               „Victoria! Victoria!
               Meine Mutter ist schon Braut –!“

Das hört mein Gehör.


Was schmeckst du, Walt Wrobel –?
Ich schmecke die untere Kruste der Obsttorte, die meine Tante gebacken hat; was die Torte anbetrifft, so hat sie unten ein paar schwarze Plättchen, da ist der Teig angebrannt, das knirscht im Mund wie Sand;
ich schmecke den kalten Tabak der Zigarre, die ausgegangen ist, und an der ich herumzutsche, weil ich es nicht weiß, die Zigarre lacht sich einen;
ich schmecke den Satz des türkischen Kaffees, die pulverdünn gemahlenen Körner bleiben zwischen den Zähnen sitzen;

ich schmecke den scharfen Geschmack von Kressenblättern; der preußische Kunstreferent im Ministerium kann das nicht schmecken, denn er hat keinen Geschmack;

ich schmecke die rauchige Würze alten Victoria-Whiskys –
Das schmeckt mein Geschmack.

Was riechst du, Walt Wrobel –?
Ich rieche die warme, wassergeschwängerte Luft der öffentlichen Schwimmhallen, untermischt mit der Ausdünstung von nackten Leibern;

ich rieche an mir selbst und finde mich durchaus sympathisch riechend;

ich rieche die frische Stube im Gebirge, es riecht nach Sonne, Holz und Thymian;
ich rieche die kräftige Mannesatmosphäre des Kaufmanns, der es gut meint, mir aber zu nahe auf den Hals rückt;
ich rieche den Teer- und Wassergeruch am Hafen von Rostock, das Wasser steht still, und die Luft spricht plattdeutsch;
ich rieche den realpolitischen Redner in der Deutschen Demokratischen Gesellschaft, aber ich kann ihn nicht riechen –

Das riecht mein Geruch.


Was fühlst du, Walt Wrobel –?
Ich fühle in meinem Nabel eine kleine Wollkugel, die sich da weiß und dick aufhält, liebevoll grabe ich sie hervor;
ich fühle ein neues Gefühl an ungeahnten Orten, wenn mir der witzige Nasenarzt mit einer langen Stricknadel ins Ohr fährt;
ich fühle im Unterfutter einen Bleistift, den ich lange verloren wähnte ein rundes Geldstück und ein unbekanntes Ding;

ich fühle den vertrauten Widerstand einer alten, bekannten Klinke;

ich fühle das harte Messingteil des Strumpfbandes meiner Geliebten auf meiner Backe, die ich daran gepreßt habe, als das Band auf dem Tisch lag;
ich fühle die Wollust, aber ich kann sie nicht beschreiben, denn in meinem Konversationslexikon steht: „Wollust (siehe Zeugung), nicht näher zu beschreibendes Gefühl …“ –
Dies fühlt mein Gefühl.

Fünf Sinne hat mir Gott, der Herr, verliehen, mit denen ich mich zurechtfinden darf, hienieden:

Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Gefühl.

Fünf Sinne für die Unermeßlichkeit aller Erscheinungen.
Unvollkommen ist diese Welt, unvollkommen ihre Beleuchtung.
Bei dem Einen blakt die eine Laterne, bei dem Andern die andre.
Sieht ein Maulwurf? Hört ein Dackel? Schmeckt ein Sachse? Riecht eine Schlange? Fühlt ein preußischer Richter?

Gebt Licht, Laternen!


Stolpernd sucht mein Fuß den Weg, es blitzen die Laternen.
Mit allen fünf Sinnen nehme ich auf, sie können nichts dafür: meist ist es
Schmerz.



Eingetragen am 08.11.2011 09:33:31 von 2rhyme
Autor: Kurt Tucholsky
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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