Nächtliche Fahrt (Andere Gedichte)
NÄCHTLICHE FAHRT SANKT PETERSBURG Damals, als wir mit den glatten Trabern (schwarzen, aus dem Orloff’schen Gestüt) —, während hinter hohen Kandelabern Stadtnachtfronten lagen, angefrüht
stumm und keiner Stunde mehr gemäß —, fuhren, nein: vergingen oder flogen und um lastende Paläste bogen in das Wehn der Newa-Quais, hingerissen durch das wache Nachten,
das nicht Himmel und nicht Erde hat, — als das Drängende von unbewachten Gärten gärend aus dem Ljetnij-Ssad aufstieg, während seine Steinfiguren schwindend mit ohnmächtigen Konturen
hinter uns vergingen, wie wir fuhren —: damals hörte diese Stadt auf zu sein. Auf einmal gab sie zu, daß sie niemals war, um nichts als Ruh flehend; wie ein Irrer, dem das Wirrn
plötzlich sich entwirrt, das ihn verriet, und der einen jahrelangen kranken gar nicht zu verwandelnden Gedanken, den er nie mehr denken muß: Granit — aus dem leeren schwankenden Gehirn
fallen fühlt, bis man ihn nicht mehr sieht.
Eingetragen am 08.11.2011 09:34:38 von 2rhyme
Autor: Rainer Maria Rilke
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org
|