Die Höllenstrafe der Frömmler (Andere Gedichte)
Wir gingen schweigend hin an dunkler Mauer, Gedankenvoll – da rief mein Führer: Halt! Und mich ergriff ein ungewohnter Schauer.
Denn von des Abgrunds Seit’ aus einem Spalt Blies Wind, jetzt, wie geschmolznen Erzes Dämpfe, Jetzt, wie der Hauch des Eisthals, schaurigkalt.
„Entsetzen“, sprach Virgil, „und Staunen dämpfe! Du mußt hinab durch diesen finstern Schacht, Zum Anschaun neuer härtrer Qualen-Kämpfe.
Dort unten, mehr als hier, herrscht schwarze Nacht; Die Frömmler sind es, die im Grunde hausen, Die betend, singend, seufzend, Gott verlacht.
Nur Felsen-Brücken sind ob andren Klausen, Hier deckt ein Felsendach die ganze Schlucht, Verengt, verdunkelt sie zu tieferm Grausen.
Sie, die sich dort, vor Uebermuth verrucht, Gerühmt, daß ihr Blick nur gen Himmel flöge, Bedrängt hier nah der Kerkerdecke Wucht.
Doch weil hier Nacht nicht minder dich betröge, Als dort, wo sie verhüllt ihr Thun und Seyn, Und dir ihr wahres, echtes Bild entzöge,
Will ich zum Schauen erst dein Auge weihn, Kraft jener Kraft, die mir der Herr gegeben, Die Jene lästern mit verrücktem Schrein.“
Den Meister sah ich nun die Rechte heben, Womit er mir die Augenlieder strich, Und meine Sehkraft fühlt’ ich neu beleben,
Drob milder Dämmerung das Dunkel wich. Dann sah ich ihn zur Felsenöffnung schreiten, In die er einstieg und nach ihm auch ich.
Eng, senkrecht war der Schacht, von beiden Seiten Sprang Zack’ um Zack’ aus grauer Felsenwand, Beim Klimmen uns die Stiegen zu bereiten.
Wenn links mein Fuß auf einer Zacke stand, Streckt’ ich den andern rechts zur andern nieder, Und hielt mich oben fest mit Hand und Hand.
Da hallt’ ein Tosen in dem Schachte wieder, Als ob bei mir vorbei ein Körper fiel, Von Fels zu Fels zerschmetternd alle Glieder.
Und, wie nach unten sprechend, rief Virgil: „Du rühmtest deinen Weg den einzig wahren, Sieh deinen wahren Weg itzt, sieh dein Ziel.“
Doch klomm ich weiter, und wir Beide waren Bald bis zur Tiefe hin, zu einem Thor, Das zu dem Strafort führt’, hinabgefahren.
Dort traten wir in ein Gewölbe vor, Dem Kreuzgang eines Klosters zu vergleichen, Und kalt und heiß blies Windzug, wie zuvor.
Da sahen wir herbei viel Leute schleichen; Jung war gemischt und Alt in dieser Schaar, Frau’n mit den Männern, Arme mit den Reichen.
Der trug den Doktorhut, der den Talar, Das Schurzfell der, der den Soldaten-Koller, Der schien ein Richter, Jener ein Notar.
Der schnitt Gesichter, krampfhaft, wie ein Toller, Zu Pauli Himmel hin schien der verzückt, Der ging mit Seufzen hin, als Kummervoller,
Und der demüthig blickend, tiefgebückt, Der predigt’, und in seltsamen Geberden War blinder, wüth’ger Eifer ausgedrückt,
Doch wollte mir nicht klar die Rede werden; Der wackelt’ unaufhörlich mit dem Mund – So zogen sie daher in ganzen Heerden.
So weit ich sah, war voll der ganze Schlund; Noch Andre schien die Krümmung zu verhehlen, Denn dieser Ort war, wie die andern, rund.
Ich fragte: „Herr, sind dies der Frömmler Seelen? Noch seh’ ich wenig Quaal!“ – Und Er begann: „Nein, die du siehst, sind Teufel, die sie quälen.
Sie nehmen die Gestalt des Sünders an Mit Sprach’ und Art und Angesicht und Mienen, Daß er sich, wie er war, erschauen kann.
Sehn nun die Sünder, wie sie dort erschienen, Und fühlen sie dann, was sie wirklich sind, So haben sie den Lohn, den sie verdienen.
Noch denkst Du still: Wie kalt und heiß der Wind Hier blasen mag, wie in getrennten Schichten, Da Kalt und Heiß zum Lauen sonst zerrinnt?
Dies will ich ungefragt dir noch berichten. Der Frömmler Herz war dort ein Klumpen Eis, Doch heiß zu scheinen war ihr ganzes Dichten.
So war ihr Innres kalt, ihr Aeußres heiß, Sich gegenseits nicht wärmend und nicht kühlend, Und also sind sie noch in diesem Kreis.
Hier liegen sie, wie dort, im Kothe wühlend, Mit kurzem Blick, durcheis’t vom Herzen aus, Und doch dazu rastlose Gluthen fühlend.
Aus Grund und Seit’ und Decke zückt’s heraus Auf sie, wie Blitz, und kann das Eis nicht schmelzen, Und nimmer kühlt das Eis der Flamme Graus.“
„Was konnt’ auf sie so schwere Strafe wälzen?“ So fragt’ ich bangend meinen Herrn, und sah Dabei die Flammen sprühn aus grauem Felsen.
Mein Meister drauf: „Die Antwort ist dir nah, Du sollst sie von den Sündern selbst erhalten; Merk’ auf den Teufel hier, den Schatten da.“
Ein Kriegesmann stand dort – die Lippen lallten, Zur Höhe sah er, wie in Glaubensbrunst, Dabei die Hände demuthsvoll gefalten.
Da schrie’s von unten: „Bild von falschem Dunst, Du Ungeheu’r, mein Ich! die Augen drehtest Du oben so! Buhlst du auch hier um Gunst?
Dein frommer Obrer glaubte dort, du betest Für deiner Seele Heil, indeß, erpicht Auf Förderung, du Saat des Mammons sätest.
Gefördert wirst du hier nun weiter nicht, Bis zu der himmlischen Posaune Klange, Wenn Schlimmeres dir droht beim Weltgericht!“
Hier brach die Stimm’ in heft’gen Eifers Drange; Der nackte Geist sah wild empor zu mir, Und wand sich gleich der steingetroffnen Schlange.
Nicht weit von dort stand in des Ritters Zier Ein Mann, mit altem starkem Rost am Degen, Auch schienen Helm und Panzer von Papier.
Den sah ich Luft mit beiden Armen sägen, Den Mund zu wildem unverstandnem Wort, Und heftig auf und ab den Leib bewegen.
„Was spricht er“? fragt’ ich; – drauf mein edler Hort: „Der Name, den er schändend dort erhoben, Erschallen darf er nie an diesem Ort.
Drum brüllt er leeren Schall mit wüstem Toben. Doch du verstehst die Rede hier so gut, Als die verblüfften Hörer einst dort oben.“
Da schrie’s von unten her in wilder Wuth: „Willst du auch hier im Brüllen nicht ermatten? Gnügt’s nicht, was dort dein Frevel auf mich lud?
Trennst du auch hier die Gattin von dem Gatten In Sektenhaß? den Vater von dem Sohn? Willst du noch herrschen über leere Schatten?
Machst du noch hier mit frevelhaftem Hohn Den treusten Freund des Alls zu Aller Feinde? Willst du auch hier noch mit der Hölle drohn?
Hier giebt es keine gläubige Gemeinde, Die dein Gebrüll mit dem, was sie geglaubt, Mit ihrem Hirten und sich selbst verfeinde.
Den Wahnsinn treibst du hier in Niemands Haupt, Zum Selbstmord wirst du Keinen mehr entzünden; Denn was man rauben konnt’, ist längst geraubt.“
Da schaudert’ ich in meines Herzens Gründen, Und sah aufs Neue, daß der Herr, gerecht, Der Strafe Maaß abmesse nach den Sünden.
Sieh, mit geschorner Glatz’ ein frommer Knecht Stand dort mit Salbung und erlogner Würde, Gerüstet, schien’s, zu geistlichem Gefecht.
Da schrie’s von unten: „Rufst du zu der Hürde Noch immer die geschornen Schäflein her? Wie? drückt dich nicht bereits der Wolle Bürde,
Die dir Betrug verschaffte, viel zu schwer? Was willst du noch? Hier giebt es nicht Erweckte, Auch Pfarrherrn zu verketzern giebt’s nicht mehr.
Hier wirst du nicht der Stifter einer Sekte, Wie dort, wo für verfälschtes Gnadenbrot Der Gläub’gen echter Braten trefflich schmeckte.“
Da scholl’s von oben, wie wenn sich in Noth Zwei Frevler höhnen, gräßliches Gelächter, Und gleiches scholl von unten aus dem Koth.
Und weiterhin stand, wie ein Zionswächter, Ein Mann im Doktorhut, das Haar zerzaust, Hochmüthig, keck, als aller Welt Verächter.
Er hatt’ ein Fernrohr in der rechten Faust, Die linke hielt das Tonwerkzeug umfangen, Das vor dem Zug der Reiterschaaren braust.
Da sprach Vergil zum Geist, der wuthbefangen Am Boden lag: „Jetzt ohne Höllenwitz Verkünde klar und schlicht, was du begangen.
Belehrt soll Dieser seyn, drum ist vom Sitz Des Herrschers her die Rede dir befohlen.“ Da zückt’ es durch den Sünder wie ein Blitz.
Die Augen glühten wild, wie rothe Kohlen, Durchs Dunkel her, doch langsam, nach und nach, Schien er von Schreck und Wuth sich zu erholen,
Und hob etwas das Haupt empor und sprach, Jedoch mit schmerzenvollen, dumpfen Worten, Indem er oft sich stöhnend unterbrach:
„Ich war bestellt zum Jugendlehrer dorten, Im heitern Licht, der heil’gen Wissenschaft, Die euch erschließen soll des Himmels Pforten.
Da meint’ ich, wenn ich mit des Glaubens Kraft Und treuem Forschen nur das Werk betriebe, Sey Ruhm und Vortheil karg und zweifelhaft.
Drum bannt’ ich erst die Demuth und die Liebe, Und rief zur Hülfe Stolz und Haß herbei, Daß meinem Streben keine Schranke bliebe.
Dann setzt ich mir aus Wahn und Heuchelei Und heil’ger Wahrheit ein Gebäu zusammen, Und schwor, daß dies der einz’ge Leuchtthurm sey.
Dort stand ich nun und lugt’, um zu verdammen, Und was ein Andrer anders sprach und that, Warf mit Drommetenstoß ich in die Flammen,
Gleichviel, ob’s Einer war, ob Kirch’ und Staat; Vom Teufel, rief ich, seyen sie verleitet, Der mir persönlich stets entgegen trat.
Sie, die euch dort zum Licht des Glaubens leitet, Weil sie der Einsicht Grenze wohl gewahrt, Und also selbst zum Höchsten vorbereitet,
So das geschriebne Wort euch offenbart, Die deshalb von des ew’gen Geistes Hauchen Nur dem, was ewig lebt, zu Theile ward –
Und müßt’ ich meine Zung’ in Flammen tauchen, Ich nenne sie – das Gottgeschenk Vernunft Verdammt’ ich streng, sammt Allen, die sie brauchen.
Und immer hieß für mich und meine Zunft, Ihr zu entsagen, erste Glaubens-Tugend, Befördernd goldner Zeiten Wiederkunft.
Mit solchen Lehren speist’ ich meine Jugend, Zur Kett’ in meinen Händen Glied und Glied Mit großer Schlauheit aneinanderfugend.
Wenn Einer nun, wie Ich, die Kette zieht, Wenn ihre Glieder ganz ihm angehören, Leicht ist wohl einzusehn, was dann geschieht.
So weit sie reicht, verblüffen und bethören, Anhäkeln neue Glieder, klug und dumm, Die Eintracht und die Ordnung boshaft stören,
Auf allen Wegen schleichen, grad und krumm, Zur Höh sich wie Schmarozer-Pflanzen ranken, Laut schreiend, wenn es gilt, dann wieder stumm;
Dies unser Thun – dort werden die Gedanken Der Andern scharf mit unserm Salz durchlaugt So lange, bis Vertraun und Liebe wanken,
Wo nichts ist, aus den Fingern Gift gesaugt Und klug verspritzt, weil unter unserm Zeichen Zum vollen Siege jedes Mittel taugt.
Und wenn wir nicht mit diesen Mitteln reichen, Dann brauchen wir zu Gottes Preis den Stahl, Als Schwert und Dolch, zu grad’ und schiefen Streichen.
Wird erst dreihundert neun und vierzig Mal Zum Haus des Wassermanns die Sonne kehren, Dann wird sich, was wir sind, in Englands Quaal
Den Fürsten und den Völkern klar bewähren, Und, macht’ Erfahrung je die Menschen klug, Dies gnügt’, um alle Zeiten zu belehren.
Doch werden wir so nach wie vor mit Trug Zu ihrem Schaden alle die umspinnen, Die eigner Unverstand mit Blindheit schlug.“
Er schwieg – und ich versank in düstres Sinnen.
____________ Anmerkungen des Uebersetzers. ____________ V. 1. Es scheint, nach dem, was V. 13 u. f. bemerkt ist, die Absicht des Verfassers gewesen zu seyn, den zehn Abtheilungen des achten Kreises der Hölle, worin Dante die verschiedenen Arten des Betrugs ihre Strafe finden läßt, eine eilfte beizufügen. Indessen hat der Verf. nicht die Geschicklichkeit oder nicht den Willen gehabt, den Anfang so einzurichten, daß man den Gesang an eine bestimmte Stelle anschließen könnte. Nach der moralischen Konstruktion würde er sich am besten hinter dem neunzehnten Gesange einschieben lassen. V. 11. Betrachten wir den Inhalt des vorliegenden Gesangs genauer, so dürfen wir dem Verf. nicht die Absicht beimessen, die redlichen Frommen irgend anzugreifen, selbst wenn ihre Frömmigkeit bis zur Schwärmerei gesteigert seyn sollte. Was er aber unter Frömmlern versteht, giebt er im Texte sehr deutlich zu erkennen. Er meint damit solche Personen, welche die christliche Frömmigkeit äußerlich zur Schau tragen, welche man aber für heuchelnde Betrüger halten muß, weil ihre Werke die Früchte nicht zeigen, die der echte christliche Glaube unfehlbar und aus innerer Nothwendigkeit hervorbringt – welche vielmehr von Wahrheit, Demuth und Liebe sich lossagen, und mit Hochmuth und Haß Andere verfolgen und verdammen – welche endlich, in sektenartigem Zusammenhange mit Gleichgesinnten und Verführten, die Eintracht in den Familien und Gemeinden und die Ordnung im Staate stören, um Zwecke zu verfolgen, die mit der Religion nichts gemein haben. V. 13. Die Felsendämme, welche die verschiedenen Abtheilungen des achten Kreises einfassen, sind, wie wir im achtzehnten Gesange der Hölle lesen, durch Felsenzacken verbunden, welche über den Strafort als Brücken von dem einen zum andern Damme springen. Die Sünder in der Tiefe haben daher, wenn sie nicht eben unter dieser Brücken sind, kein anderes Dach über sich, als die Erd-Rinde, von welcher die ganze Höhlung bedeckt ist. Der Verf., indem er die ganze Abtheilung mit einem niedrigliegenden Felsendache besonders bedeckt, scheint durch diese enge Beschränkung hier die Anmaßung der erlogenen geistlichen Erhebung bestrafen zu wollen. V. 22. Virgil, der Führer Dante’s durch Hölle und Fegefeuer, stellt, nach der Meinung der meisten Ausleger, die menschliche Vernunft dar. Allerdings muß diese unsere Blicke klären, wenn wir die Frömmler in ihrer wahren Gestalt erkennen und von den Frommen unterscheiden wollen. V. 28. Die Vernunft macht nicht Anspruch darauf, uns das volle Licht zu geben, welches wir im Glauben nur von einem bessern Jenseits erwarten dürfen. Sie ist zufrieden, wenn sie uns statt der Nacht milde Dämmerung gewährt, in welcher wir mehr ahnen als schauen können. V. 37. Ein Sünder wird eben an den Ort hinabgeschleudert, wo er seine Strafe empfangen soll, zu welchem nur dieser Schacht als Zugang führt. Wer die Hölle des Dante in der Meinung lies’t, daß es die Absicht des Dichters sey, diejenigen, die er uns dort vorführt, als ewiglich Verdammte darzustellen, wird nicht umhin können, diese Absicht als eine frevelhafte Anmaßung streng zu tadeln, da das Urtheil nur dem göttlichen Richter gebührt. Aber der Zweck des Dichters ist, wie jeder aufmerksame Leser leicht erkennen wird, nur der, uns in sinnvollen Bildern den Zustand der Sünder vor dem Tode zu zeigen. Wir können auch dem Verfasser dieses Gesangs keine andere Absicht beimessen. Wahrscheinlich bezeichnet er in dem Sturze des Sünders den Augenblick, wenn sein Betrug enthüllt ist und er hinabfällt in die jammervolle Tiefe seines Bewußtseyns. Vergl. V. 73 u. ff. V. 65. Für diejenigen, welchen das Bild der Hölle nicht gegenwärtig ist, wird bemerkt, daß alle Straforte Kreise bilden, welche um das Innere des Höllentrichters herumlaufen. V. 107. Der Verf. scheint hier V. 106 u. ff. den 6ten Ges. der Hölle im Angedenken gehabt zu haben, wo es heißt, daß nach der Lehre des Aristoteles ein Wesen, je vollkommner es sey, auch um so mehr Schmerz empfinde, daß daher, da nach der Wiedervereinigung der Seele und des Leibes das Wesen der Verdammten vollständiger werde, auch ihr Schmerz sich vermehren müsse. V. 120. Der Name Christi wird in Dante’s Hölle nie ausgesprochen. V. 142. Wenn wir hier einen Priester durch die geschorene Glatze bezeichnet sehen, so scheint dies zur Widerlegung des Pater Bibliothekar zu gereichen, welcher behauptet, daß Erscheinungen dieser Art nur in der protestantischen Kirche vorkommen, da bekanntlich nur die katholischen Priester die Tonsur tragen. Vielleicht erinnerte sich aber der Verf. dieses Unterschiedes nicht, oder wußte keine andere Art, in der Kürze einen heuchlerischen Priester zu bezeichnen. V. 160. Das Fernrohr und die Trompete werden V. 107 u. ff. näher erläutert. Daß die Trompete nicht genannt, sondern durch ihre Wirkung bezeichnet wird, erinnert an mehrere Stellen Dante’s. V. 166. An mehreren Orten der Hölle beruft sich Virgil auf das vom Himmel her an ihn ergangene Gebot, den Dichter zu führen, und dämpft hierdurch den Widerstand der höllischen Geister. Man sieht, daß der Verfasser des vorliegenden Gesangs die Nachahmung des Unwesentlichen nicht vernachlässigt hat, um glauben zu machen, daß das untergeschobene Werk von Dante selbst seyn könne. V. 192. In der Doktrin der meisten Frömmler soll es begründet seyn, daß der Teufel wirklich auf Erden persönlich umher gehe, wie ein brüllender Löwe – und daß, wer an diesen persönlichen Teufel nicht glaube, auch an Christus nicht glauben könne. V. 199. Dem Sünder scheint es äußerst schwer zu werden, das Wort Vernunft auszusprechen, da die Frömmler allerdings die größte Ursache haben, sie zu scheuen. Denn ihr ganzes Seyn und Treiben mit aller seiner Wirksamkeit und mit allen Vortheilen, die es bringt, ist zu Ende, wenn die Vernunft der Andern es klar erkannt hat. Daher verschiebt er es so lange, dies fürchterliche Wort über seine Lippen zu bringen, bis er es gar nicht mehr verschweigen kann. V. 226. Dante hatte seine wunderbare Reise in die heilige Woche des Jahres 1300 verlegt, und ohne Zweifel will der Verfasser, daß man von diesem Jahre aus zähle. Da nun die Sonne in der zweiten Hälfte des Januar in das Zeichen des Wassermanns tritt, so sind hier die greuel- und jammervollen Ereignisse gemeint, welche sich am Ende des Januars 1649 in England zutrugen.[WS 2] Daß die Verdammten in der Hölle öfters prophezeihen, ist jedem Leser des Gedichtes bekannt. Allein sie sagen immer nur solche Ereignisse vorher, welche sich beim Leben des Dichters zugetragen haben. Auch können wir kaum voraussetzen, daß der Verfasser uns zumuthen wolle, zu glauben, Dante habe wirklich die Ereignisse des Jahres 1649 vorausgesehen. Doch wollen wir denjenigen, welche der Seherin von Prevorst Glauben schenken, nicht wehren, zu glauben, daß dieser Gesang, ungeachtet der weithinausreichenden Prophezeihung, wirklich von Dante seyn könne. ____________ Halle, gedruckt in der Gebauerschen Buchdruckerei. - ? Das Kloster wird hier nicht näher bezeichnet, weil die Toleranz der frommen Väter, besonders des Pater Bibliothekar, ihnen leicht Rügen zuziehen könnte, wenn jemals diese Blätter in Rom bekannt werden sollten. Selbst Anzeigen aus evangelischen Ländern und von Genossen dieser Konfession gehören nicht zu den unmöglichen Dingen.
- ? Vorlage: dor
- ? Gemeint ist die Hinrichtung König Karl I. von England und der Aufbau einer Republik unter Oliver Cromwell.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:35 von 2rhyme
Autor: Carl Streckfuß
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org
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